Zurück

 

 

Tschernobyl ist ein Kernkraftwerk in der Ukraine, in dem es am 26. April 1986 zu einer Nuklearkatastrophe kam. Bei einem Routinetest im Kraftwerk sprengten zwei massive Explosionen das 1.000 Tonnen schwere Dach von Reaktor-Block 4. Infolgedessen wurde 400-mal mehr Strahlung freigesetzt als bei dem Atombombenabwurf über Hiroshima. Die schlimmste Atomkatastrophe in der Geschichte tötete zwei Arbeiter unmittelbar, mindestens 28 weitere Menschen sterben in den nächsten Monaten an der akuten Strahlenbelastung. Tausende erkranken an Langzeitfolgen wie etwa Krebs.

Die Katastrophe von Tschernobyl hat nicht nur Ängste über die Gefahren der Atomkraft geweckt, sondern auch die mangelnde Offenheit der Sowjetregierung gegenüber dem sowjetischen Volk und der internationalen Gemeinschaft aufgedeckt. Die Nuklearkatastrophe haben der Sowjetunion Milliarden an Sanierungskosten aufgebürdet, zum Verlust einer ihrer primären Energiequelle geführt und dem Nationalstolz einen schweren Schlag versetzt.

Der damalige sowjetische Politiker Michail Gorbatschow vermutete später, dass die Katastrophe von Tschernobyl wohl die wahre Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Jahre danach gewesen sei und weniger der Start der „Perestroika“.

 

Wo ist Tschernobyl?

Tschernobyl liegt in der Nordukraine, etwa 130 Kilometer nördlich von Kiew. Eine kleine Stadt, Pripyat, wurde in den 1970er-Jahren nur wenige Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt errichtet, um Arbeiter und ihre Familien unterzubringen.

Der Bau des Kraftwerks begann 1977, als das Land noch Teil der Sowjetunion war. Bis 1983 waren vier Reaktoren fertiggestellt worden, zwei weitere sollten folgen.

 

Was ist in Tschernobyl passiert?

Der Routinetest, ob das Notwasserkühlsystem während eines vollständigen Stromausfalls funktionieren würde, begann am 26. April um 01:23 Uhr.

Innerhalb von Sekunden führte eine unkontrollierte Reaktion dazu, dass sich im Reaktor-Block 4 Druck in Form von Dampf aufbaute. Das führte zu einer Explosion, wodurch unkontrolliert Strahlung freigesetzt und radioaktive Trümmer in die Luft geschleudert wurden.

Zwei bis drei Sekunden später folgte eine zweite verheerende Explosion. Auf dem Dach des Reaktor-Blocks 3 brach ein Brand aus, der die Bausubstanz gefährdete. Automatische Sicherheitssysteme, die in der Situation eigentlich für Schutz sorgen hätten sollen, waren wegen des Tests deaktiviert worden.

Feuerwehrleute kamen innerhalb weniger Minuten am Kraftwerk an und begannen, das Feuer ohne jegliche Strahlenschutzausrüstung zu bekämpfen. Viele dieser Männer würden bald zu den 28 Personen zählen, die aufgrund akuter Strahlenexposition verstarben.

Augenzeugenberichte der Feuerwehrleute, die bei der Bekämpfung der Brände mitgeholfen hatten, beschrieben die Strahlung als „nach Metall schmeckend“ und als einen Schmerz, vergleichbar mit Nadeln, die einem im Gesicht treffen.

Erst am nächsten Tag um 5 Uhr morgens wurde Reaktor-Block 3 abgeschaltet, etwa 24 Stunden später auch die Reaktoren-Blöcke 1 und 2.

Am Nachmittag des 26. April hatte die Sowjetregierung Truppen mobilisiert, um bei der Bekämpfung des Brandes zu helfen. Einige wurden auf das Dach des Reaktors abgeseilt, um Trümmer von der Anlage zu schaffen und den freiliegenden Reaktor zu kühlen.

Die Arbeiter konnten aufgrund der immensen Strahlung jeweils nur wenige Minuten an der Unglücksstelle eingesetzt werden. Es dauerte fast zwei Wochen bis alle Brände gelöscht und der Reaktor-Block 4 mit Sand, Blei, Bor, Dolomit und Lehm zugeschüttet war.

 

Pripyat evakuiert

In der Nachbarstadt Pripyat ging das Leben fast einen Tag lang wie gewohnt weiter. Abgesehen von den Lastwagen, die die Straßen mit Schaum säuberten, gab es anfangs nur wenige Anzeichen dafür, dass sich eine Nuklearkatastrophe nur wenige Kilometer entfernt abspielte.

Erst am nächsten Tag, dem 27. April, begann die Regierung mit der Evakuierung der 50.000 Einwohner von Pripyat. Den Bewohnern wurde gesagt, dass sie nur ein paar Tage weg sein würden, weshalb sie nur wenige persönliche Gegenstände mitnahmen. Die meisten würden niemals in ihre Häuser zurückkehren.

 

Sowjetische Geheimhaltung

Es dauerte Tage, bis die sowjetische Führung die internationale Gemeinschaft über die Katastrophe informierte. Die Sowjetregierung gab erst eine offizielle Erklärung zu dem Unfall globalen Ausmaßes ab, als schwedische Staats- und Regierungschefs auf eine solche pochten. Auslöser dafür waren plötzlich auftretende ungewöhnlich hohe Strahlenwerte in der Nähe eines Kraftwerks bei Stockholm.

Schließlich berichtete der Kreml am 28. April, dass es in Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Drei Tage später fanden in Moskau, Kiew und Minsk wie gewohnt Paraden zum sowjetischen 1. Mai statt, um die Arbeiter zu feiern - auch wenn zeitgleich noch gefährliche Mengen an Strahlung aus dem zerstörten Kraftwerk strömten. Die meisten Menschen, auch innerhalb der Ukraine, waren sich des Unfalls, der Todesfälle und der hastigen Evakuierung von Pripyat noch nicht bewusst.

 

Tschernobyl und die Strahlung

Das beschädigte Kraftwerk setzte über einen Zeitraum von 10 Tagen eine große Menge radioaktiver Substanzen, einschließlich Jod-131, Cäsium-137, Plutonium und Strontium-90, in die Luft frei.

Die radioaktive Wolke verbreitete sich vor allem in der Umgebung, wurde vom Wind aber auch über die Ukraine, Weißrussland, Russland, Skandinavien und andere Teile Europas getragen.

In einem Versuch, die Katastrophe einzudämmen, entsandte der sowjetische Führer Michail Gorbatschow am 14. Mai Hunderttausende von Menschen, darunter Feuerwehrleute, Militärreservisten und Bergleute, um die Aufräumarbeiten voranzutreiben. Der Trupp arbeitete bis 1989 kontinuierlich, oft mit unzureichender Schutzausrüstung, um die Trümmer zu beseitigen.

 

Tschernobyl-Sarkophag

Während einer eiligen Bauzeit von 206 Tagen errichteten die Arbeiter einen Stahl- und Zementsarkophag, um darin den beschädigten Reaktor-Block 4 zu „begraben“ und jede weitere Freisetzung von Strahlung einzudämmen.

Als ehemaliger Liquidator – einer der Arbeiter, die unter lebensbedrohlichen Bedingungen nur dafür zuständig waren, das Gebiet zu dekontaminieren – sagte Jaroslaw Melnik im Januar 2017 gegenüber der BBC: „Wir haben in drei Schichten gearbeitet, aber wegen der Gefahr jeweils nur für fünf bis sieben Minuten. Nachdem wir fertig waren, warfen wir unsere Kleidung in den Müll. “

Ab 2010 organisierte ein internationales Konsortium den Bau eines größeren, sichereren Sarkophags für den Standort. Der 35.000 Tonnen schwere „New Safe Confinement“ wurde auf Schienen gebaut und im November 2016 über den beschädigten Reaktor und den vorhandenen Sarkophag als Schutzmantel geschoben.

Nach der Fertigstellung der neuen Schutzvorrichtung fiel die Strahlung in der Nähe der Anlage nach offiziellen Angaben auf nur noch ein Zehntel der vorherigen Werte. Die Konstruktion soll nun für die nächsten 100 Jahre die radioaktiven Trümmer von der Außenwelt abschirmen.

 

Fuß des Tschernobyl-Elefanten

Tief im Keller von Reaktor-Block 4 liegt der Fuß des Tschernobyl-Elefanten – eine riesige Masse aus geschmolzenem Beton, Sand und hochradioaktivem Kernbrennstoff.

Die Masse wurde nach ihrem Aussehen benannt, das einige an die faltige Haut von Bein und Fuß eines Elefanten erinnerte.

In den 1980er-Jahren gab der Elefantenfuß pro Stunde schätzungsweise 10.000 Röntgen ab – genug, um eine Person in weniger als zwei Minuten zu töten. Bis 2001 war dieser Wert auf rund 800 Röntgen pro Stunde gesunken.

 

Wie viele Menschen starben in Tschernobyl?

Die ukrainische Regierung erklärte 1995, 125.000 Menschen seien an den Folgen der Strahlung von Tschernobyl gestorben. In einem Bericht des Chornobyl-Forums der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2005 wurde wird vermutet, dass in den Monaten nach dem Unfall zwar weniger als 50 Menschen starben, jedoch bis zu 9.000 weitere an den Langzeitfolgen der Strahlenexposition sterben könnten.

Nach Angaben der „Union of Concerned Scientists“ wurden bis 2005 rund 6.000 Schilddrüsenkrebserkrankungen und 15 Todesfälle durch Schilddrüsenkrebs auf Tschernobyl zurückgeführt.

Die gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe von Tschernobyl sind weiterhin unklar. Abgesehen von den ersten 30 Personen, die direkt in Folge der Katastrophe verstarben, gibt es nur wenige weitere Aufzeichnungen. Nach der Katastrophe wurden keine offiziellen Studien durchgeführt, um die Auswirkungen auf Arbeiter und Einheimische zu verfolgen.

Eine Studie der „US National Institutes of Health“ aus dem Jahr 2011 kam zu dem Schluss, dass die Freisetzung von Jod-131 durch den Tschernobyl-Fallout höchstwahrscheinlich für Schilddrüsenkrebs verantwortlich ist.

 

Tschernobyl-Sperrzone

Abgesehen von den menschlichen Opfern, hinterließ die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl auch ein riesiges Gebiet strahlenbelasteten Landes.

Eine 1.200 Kilometer breite Sperrzone rund um das Gelände des Kraftwerks gilt als nicht sicher für Menschen und kann aufgrund kontaminierter Pflanzen und Böden nicht für die Holz- oder Landwirtschaft genutzt werden.

Im Dezember 2017 kündigte ein ukrainisch-deutsches Unternehmen, „Solar Chernobyl“, den Bau eines riesigen Solarkraftwerks in dem verlassenen Gebiet an. Das Ein-Megawatt-Kraftwerk, das nur wenige hundert Meter vom beschädigten Reaktor 4 entfernt entstehen soll, soll mit 3.800 Photovoltaik-Modulen ausgestattet werden. Die ukrainische Regierung gab bekannt, dass mehrere Unternehmen vorhätten, bis zu 99 Megawatt Solarenergie an dem Standort zu gewinnen – viel Energie, doch nicht annähernd so viel, wie die vier Reaktoren produzierten. Zum Zeitpunkt des Unfalls erzeugten die vier Reaktor-Blöcke jeweils 1.000 Megawatt.

 

Tschernobyl und die Tierwelt

Laut einer Studie aus dem April 2016 konnten bei wild lebenden Tieren, darunter Eber, Wölfe, Biber und Bisons, am Standort Tschernobyl hohe Bestände nachgewiesen werden.

Die Forscher gehen davon aus, dass die Strahlenexposition zwar nicht gut für die Tiere wäre, die Vorteile der Abwesenheit von Menschen jedoch das Strahlenrisiko überwiege.

 

Tschernobyl heute

Das Gebiet rund um das Kernkraftwerk wird noch lange nicht wieder von Menschen bewohnt werden. 24.000 Jahre soll es noch dauern, bis es wieder bevölkert werden kann.

Heute können Touristen den Ort besuchen, der in der Zeit erstarrt zu sein scheint, abgesehen von den Anzeichen von Plünderungen und natürlicher Verwitterung.