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Der Dokumentarfilmer Jonas Neumann, dessen Urgroßvater in Dachau inhaftiert war, stellt in „Heute ist das Gestern von morgen“ die Frage, was die letzten Holocaust-Überlebenden und was Gedenkstätten gegen die zunehmende Relativierung des Holocausts und gegen Attacken von rechts tun können, und spannt damit den Bogen in die Gegenwart.

 

Was waren Ihre Beweggründe dafür, die Dokumentation zu drehen?

Ein tiefes Interesse dafür, wie sich die deutsche Erinnerungsarbeit ganz aktuell gestaltet. Michael Kalb, der die Dokumentation produziert hat, und ich sind dem Thema sehr verbunden, und wir wollten in der heutigen Zeit, in der sich viele bisherige Konstanten ändern und auflösen, filmisch festhalten, wie die Erinnerungsarbeit aussieht. Zudem war für mich die KZ-Gedenkstätte Dachau sogar eine langjährige Arbeitgeberin.

 

Inwiefern ist das Thema Ihrer Dokumentation eines, das in die heutige Zeit passt?

Das Thema unseres Filmes ist ein Thema unserer Zeit: Diejenigen, die aus eigener Erinnerung von den Schrecken des Krieges, der Lager, von NS-Terror und der Shoah erzählen können, sind bis auf wenige hochbetagte Vertreter*innen nicht mehr unter uns. Es stellt sich die ernste Frage, wie wir diesem Thema ohne deren Autorität und Intensität Gehör verschaffen. Ich denke, heute ist die Vulnerabilität von Freiheit und Demokratie bei uns besonders deutlich zu spüren, und damit auch die immense Bedeutung, zu wissen, was das bedeutet.

 

Was unternimmt die Gedenkstätte gegen die zunehmende Relativierung des Holocausts und gegen Attacken von rechts?

Die KZ-Gedenkstätte Dachau arbeitet seit ihrer Gründung in den 1960er-Jahren gegen Relativierung des Holocaust und gegen Attacken von rechts. Sie ist die Trägerin der Erinnerungen der Zeitzeugen und zudem ein Ort der gesellschaftspolitischen Aufklärung. Die Tatsache, dass Relativierungen der NS-Verbrechen und Attacken von rechts zunehmen, sollte vor allem die breite Mehrheit der Gesellschaft auf den Plan rufen, um der Gedenkstätte zur Seite zu stehen.

Die Gedenkstätte ihrerseits führt ihre Bildungsarbeit und Forschung fort und experimentiert mit neuen Kommunikationswegen wie Augmented Reality oder Social Media, um diese so wichtige Aufmerksamkeit zu erreichen.

 

Was meinen Sie: Wie wird es in Zukunft, wenn es immer weniger Zeitzeugen geben wird, möglich sein, die Gräueltaten der Nazis nicht zu vergessen?

Wir leben bereits in einer Zeit, in der beinahe alle Zeitzeug*innen nicht mehr bei uns sind. Sie sind nicht zu ersetzen, und diese Lücke ist spürbar und kann Sorge bereiten. Es ist meine Überzeugung, dass die Erinnerung und damit auch das Immunsystem unserer Demokratie nur dann intakt bleiben, wenn eben auf breiter Basis immer wieder unsere Vergangenheit – und damit die Lehren fürs Heute – betont werden. Dafür sind die Gedenkorte an den früheren Verbrechensorten unabdingbar, aber auch nicht genug. Es braucht immer frische Ideen, Initiativen, Projekte, Diskussionen und solidarischen Einsatz. Es braucht stets aufs Neue (junge) Menschen, die für das Thema und damit gewissermaßen für unsere Demokratie „brennen“. Das Ganze muss immerzu mit Leben gefüllt werden.

 

In Ihrem Film sagt einer der Zeitzeugen: „Die Menschheit hat aus dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg nichts gelernt.“ Würden Sie dem zustimmen und was heißt das genau?

Boris Zabarko spricht den Satz, dass die Menschheit aus dem Holocaust nichts gelernt hat, vor dem Hintergrund, dass er als Überlebender des NS-Ghetto Sharhorod nun wieder Krieg in Europa, nämlich in seiner Heimat, der Ukraine, erleben muss. Dazu muss man wissen, dass Überlebende wie Boris Zabarko nach den überlebten Gräueln durch die Nazis nichts Geringeres zu ihrem Ziel machten, als Krieg und Vernichtung in Zukunft (in Europa) zu verhindern.

Dieses Ziel, das im Übrigen auch das Ziel der europäischen Politik nach dem Krieg war, ist gescheitert. Ich denke, dass er in gewisser Weise Recht hat, ich habe aber auch Hoffnung. Warum? Weil es Menschen wie ihn oder Barbara Distel und ihre Arbeiten gibt. Und solange sich immer wieder Menschen finden, um dies auf ihre Art weitertragen, solange habe ich Hoffnung.

 

„Heute ist das Gestern von morgen“ wurde auf dem DOK.fest München uraufgeführt. Welches Feedback haben Sie aus dem Kreis des Festivalpublikums erhalten?

Das Feedback aus dem Publikum war in meiner Erinnerung sehr positiv. Bei unserer Weltpremiere im Filmmuseum hatten wir den Überlebenden Erich Finsches und die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau Barbara Distel sowie weitere Protagonist*innen und einen großen Teil des Teams auf der Bühne. Hier ergab sich eine lange Diskussion, und es zeigte sich viel Interesse am Film und an den Erinnerungen, die Menschen wie Erich Finsches in sich tragen.

 

Welchen persönlichen Bezug haben Sie selbst zum Thema Ihres Films?

Mein Urgroßvater war selbst Häftling im Konzentrationslager in Dachau. Dadurch gibt es eine gewisse familiäre Vorbelastung. Zudem habe ich seit 2006 in der Gedenkstätte gearbeitet und gehöre noch immer dem Referentenpool an, wobei ich schon sehr lange keine Rundgänge mehr durchgeführt habe. Dachau ist für mich ein sehr persönlicher Ort. Was ich bei „Heute ist das Gestern von morgen“ allerdings in den Hintergrund stellen wollte, um den Ort der Gedenkstätte Dachau und seine Mitarbeitenden und die letzten Zeitzeugen in das Zentrum zu setzen.
 

 

Heute ist das Gestern von morgen

Montag um 20.15 Uhr
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